Zwangsferien sind der Tod der flexiblen Arbeitsarrangements
Die Forderung nach «6 Wochen Ferien für alle» tönt sympathisch. Und sie wird von den Initianten unter anderem scheinbar vernünftig mit dem Bedürfnis der Arbeitnehmenden nach mehr Erholung und einer erleichterten Vereinbarkeit von Familie und Beruf begründet. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Initiative für viele der Beschäftigten unnötig ist und dem Anliegen der Frauen nach einer verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf oft entgegensteht.
Heute profitieren viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von flexiblen Arbeitszeiten und individuellen Jobmodellen: Teilzeitstellen, Jobsharing und Möglichkeiten, zu Hause zu arbeiten. Gerade für berufstätige Eltern kann dies wertvoller sein als mehr Ferien. Denn die Flexibilität erleichtert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Solche individuell auf den Arbeitnehmenden abgestimmten Modelle gefährdet die Ferieninitiative mit ihren starren Regelungen.
Flexible Arbeitszeiten erleichtern das Leben
Flexible Arbeitszeiten sind eine grosse Hilfe, wenn Kinder und Beruf unter einen Hut gebracht werden müssen. Heute sind es noch vor allem Frauen, welche diesen Spagat machen. Immer mehr sind aber auch die jungen Väter bereit, ihren Teil dazu beizutragen.
Viele Stellen, welche nicht an eine feste Präsenz gebunden sind, eignen sich sehr gut für individuelle Lösungen, in dem Sinne, dass man möglichst frei kommen und gehen kann. Weite Teile des Dienstleistungsbereichs lassen sich heute flexibel organisieren. Oft gilt es aber dennoch, Blockzeiten einzuhalten oder Präsenzdienste sicherzustellen.
Auch wo fixe Arbeitszeiten vorgesehen sind, ist es möglich, auf Familienpflichten Rücksicht zu nehmen – beispielsweise indem man an einzelnen Tagen morgens später beginnt oder abends früher geht. Je kleiner das Team ist, desto genauer gilt es jedoch zu organisieren, damit die notwendigen Präsenzen abgedeckt sind. Wichtig ist dabei, dass die Spielregeln klar aufgestellt sind. Also zum Beispiel, dass immer zwei Personen verfügbar sein müssen. Wenn nun noch zusätzliche Ferienabwesenheiten zu verkraften sind, engt das den Spielraum der Flexibilität ein.
Gleiches gilt dann zum Beispiel für Homeoffice. Wenn jemand tageweise von zu Hause aus arbeiten kann, wird er durch Abwesenheiten anderer Personen im gleichen Team unter Umständen in dieser Freiheit eingeschränkt.
Bedürfnisse verändern sich
Im Laufe der Zeit verändern sich die Bedürfnisse der Arbeitnehmenden an die Arbeitszeiten oft. Je nach Alter der Kinder können flexible Arbeitszeiten auch heissen, dass man bei einer Teilzeitstelle die Arbeitszeiten so einteilt, dass normal zu 100 Prozent gearbeitet wird, aber mehr Ferien bezogen werden, um die Kinderbetreuung in den Schulferien abzudecken. Das Arbeitspensum wird damit nach Perioden sehr unterschiedlich geleistet.
Ist ein Kind krank, zeigen sich Arbeitgeber oft sehr flexibel, auch wenn die Zeit allenfalls nachgeholt werden muss. Sind aber beispielsweise die Kolleginnen im kleinen Team durch zusätzliche Ferien vermehrt abwesend, wird die mögliche Flexibilität des Arbeitgebers kleiner.
Je mehr fixe Abwesenheiten vorgegeben sind, desto geringer wird der Spielraum für die individuell flexiblen Lösungen. Die Initiative schränkt den Spielraum für die bedürfnisbezogene Regelung der Arbeitsbedingungen ein.
Paradigmenwechsel
Heute legt der Gesetzgeber minimale Anforderungen fest und überlässt es den Vertragspartnern, eine für sie massgeschneiderte Lösung zu finden. In vielen Branchen handeln die Sozialpartner miteinander Lösungen aus, die den Möglichkeiten der Branche und den Bedürfnissen der Arbeitnehmenden entsprechen. Auch wo kein Gesamtarbeitsvertrag besteht, finden Arbeitgeber und Arbeitnehmer Arrangements, die den gegenseitigen Anforderungen Rechnung tragen. Mit dieser Lösung, dass nur das Minimum festgelegt wird, ist es für die Arbeitgeber auch möglich, darüber hinaus zu gehen. Und das wird auch sehr häufig so praktiziert. Mit der überrissenen Forderung nach sechs Wochen Ferien für alle gingen der Spielraum und der Anreiz für weitergehende Lösungen verloren.
Dies hätte auch in anderen Bereichen Konsequenzen. Individuelle Jobmodelle und mehr Ferien werden sich insbesondere KMU nicht leisten können, da das Geld für Ferienvertretungen, die notwendig würden, nicht vorhanden ist.
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